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Stephan Jäschke und Sebastian Ritschel

Ein Dialog über die malerische Geste und den Status des Gemäldes im digitalen Zeitalter.

Ein Gemälde verlangt seinen Urhebern schon seit Längerem nicht mehr ab, dass sie sich die Finger schmutzig machen. War das Malen über Jahrhunderte ein Akt, welcher die unmittelbare Interaktion des Künstlers mit verschiedenen physischen Materialien voraussetzte, sind im Zuge der Entwicklung und Verbreitung digitaler Medien Bildpraktiken entstanden, bei denen der Schaffensprozess sich jenseits der materiellen Realität von Leinwänden, Farbpasten, Spachteln und Pinseln abspielt. Glatte Sensoroberflächen übersetzen Berührungen und Bewegungen in digitale Formate, ohne sich unter den Einwirkungen von Hand oder Stift selbst zu verändern. Was vom Malakt übrig bleibt, ist die malerische Geste. Doch auch sie hat sich verwandelt.

Stephan Jäschke und Sebastian Ritschel eint die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Implikationen der digitalen Malerei. Die im Elektrohaus gezeigte Ausstellung macht nun Aspekte einer Diskussion sichtbar, welche die beiden Künstler schon seit mehreren Jahren führen.

Sebastian Ritschel fragt in seinen abstrakten digitalen Drucken nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der malerischen Geste sowie den Auswirkungen digitaler Verfahren auf die Rolle des Künstlers. Die unpersönlichen Materialisierungen beiläufig ausgeführter Malakte simulieren einen pastosen Farbauftrag, der sich jedoch bei näherem Hinsehen als Augentäuschung erweist. So wird in der Nachahmung alter Malerei durch neue Malerei der auf ewig mit der Kunst verquickte Mimesis-Topos aktualisiert.

In den Arbeiten Stephan Jäschkes spiegelt sich eine wache Auseinandersetzung nicht nur mit tradierten Themen, Stilen und Materialien der Kunstgeschichte, sondern auch mit den Ästhetiken von Warenwelt und Popkultur, ihrem hohlen Hochglanzwahnsinn, dem Lauten und Billigen. In der aktuellen Ausstellung stellt er den glatten Fake-Oberflächen der bedruckten Leinwände Sebastian Ritschels die unaufgezogenen, gefalteten oder gerollten, rauen Rückseiten großformatiger analoger Malereien gegenüber, welche er durch Hinzufügung von Malspuren neu auflädt. Während die digitalen Drucke Ritschels Plastizität bloß fingieren, verlassen die Arbeiten Jäschkes die Ebene tatsächlich und nehmen Raum ein.

Beide Künstler besetzten damit bewusst gegensätzliche Positionen, ohne eindeutig für die eine oder andere Malerei Partei zu ergreifen. Vielmehr entsteht durch den Kontrast ein offenes Feld der Reflexion, auf dem die beiden jungen Künstler sich frei bewegen und zu dessen Erkundung sie mit der aktuellen Ausstellung einladen.

Text: Fanny Weidehaas

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