Matthias Bausch & Stefan Leyh Blind Copy Volume 3

Blind Copy – Volume 3
bc (bcc) = blind copy

Der Titel „blind copy“, unter der die geplanten Ausstellung von Stefan Leyh und Matthias Bausch steht, vereint zwei künstlerische Positionen, die nicht unterschiedlicher gleichwohl aber auch nicht synthetischer sein könnten. Denn die Skulpturen von Leyh wie die Wandobjekte und Gemälde von Bausch sind eindrucksvolle Vertreter der sich aktuell um die Hochschule der Bildenden Künste positionierenden jungen Kunstszene in Dresden. „Blind copy“ rekurriert dabei auf eine aktuelle Wandinstallation von Bausch, verdeutlicht aber auch das Bestreben jeden Künstlers, so viele Rezipienten wie möglich erreichen zu wollen, ohne dabei die künstlerische Individualität und Singularität des Kunstobjektes zu verlieren, welche bei einem Versand einer elektronischen Botschaft als „bc (bcc) = blind copy“ in der Unsichtbarkeit der weiteren Empfänger gewahrt ist.

Gleichwohl von unterschiedlichen künstlerischen Ausgangspositionen aus entwickelt, entstehen die Arbeiten beider Künstler aus Erinnerungsfragmenten der eigenen Vergangenheit, nehmen ihren Ausgang in Filmsequenzen oder entspinnen sich aus Glücksmomenten längst vergangener Kindheitstage. Den Werken haftet dabei eine gewisse Ambivalenz an. Sie umgibt etwas Unberechenbares, ja manchmal geradezu Geheimnisvolles, denn nach einem ersten kurzen Blick obliegt ihnen etwas scheinbar Befremdliches, ja fast Lauerndes. Es ist die unbestimmte Ahnung eines möglichen und plötzlichen Umschlagens des gerade noch fröhlichen Moments, der in der pastellenen Farbigkeit, der Vertrautheit der Darstellungsobjekte und der mitunter verdächtigen Niedlichkeit der Motivik liegt, die am ersten Eindruck zweifeln lassen. Gerade die erzählerischen Momente in den Kompositionen von Bausch sowie die einfachen Gesten der Figuren bei Leyh suggerieren diese Mehrdeutigkeit, die den Betrachter auf eine sublim versteckte Wirklichkeit hinter der Fassade der flüchtigen Wahrnehmung schließen lassen.

Matthias Bausch
Matthias Bausch studierte Malerei in München und Dresden. Bis 2008 war er Meisterschüler an der Hochschule für Bildende Künste (HfbK) bei Prof. Christian Sery. Bausch’s Hauptinteresse gilt primär materialtechnischen Zusammenhängen, denen er in seinen Arbeiten in den Übergangsbereichen von Malerei zur Installation nachspürt. Seine malerischen Arbeiten lösen sich daher eigenwillig von der Wand. Es sind sperrige Gebilde, die ihre Malfläche vor sich her in den Raum tragen. Bausch verwendet bewusst verschiedene Materialien, die von Kupferplatten, über Bauschaum bis hin zu Aluminium reichen. Doch bleiben die Spuren seiner malerischen Anfänge immerfort präsent, die sich in seiner extensiven Verwendung von üppig wuchernden Farbaufträgen und zähen Farbtexturen, die sich über den Malgrund legen, zeigen. Bausch’s Arbeiten sind daher weit mehr als bloße Gemälde. Sie sind Materialarbeiten, Wandinstallationen und Kleinskulpturen, die trotz ihres Strebens in den Raum, jedoch nie den Schutz der Wand ganz verlassen. Die Arbeiten „Blind Copy“ (2012), die Pate für den Ausstellungstitel stand, wie auch die Wandinstallation „1243“ (2010) können exemplarisch für die aktuelle Arbeitsphase betrachtet werden, worin der Grenzgang zwischen Tafelwerk und Skulptur sowie das Verhältnis von malerischer Bildfläche zur Konstruktion prägende Gestaltungselemente sind.
Sybille Greisinger

Stefan Leyh
Stefan Leyh wurde 1976 in Meiningen geboren, absolvierte eine Ausbildung als Holzbildhauer und studierte von 2002 bis 2010 an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Er ist Meisterschüler von Prof. Martin Honert.
Seine figurativen Plastiken sind Erinnerungsfragmente an Kindheit, an erzählte und gelesene Märchen, prägende Filme.
Nähert man sich zunächst über die Betitelung der einzelnen Werke dem Arbeitsansatz von Stefan Leyh, so fällt auf, dass die Titel fast aller Arbeiten cineastischen Vorlagen entspringen: Die Arbeit „because, because“, zeigt einerseits Leyhs Vater als Halbskulptur mit einem schier unglaublich großen Kaninchen im Arm als intime Momentaufnahme, andererseits verweist der Titel auf den Zauberer von Oz, genauer auf jenes Lied, mit dem sich Dorothy und ihre Gefährten auf die Reise zum bedeutendsten Magier begeben. Dieser Mystik folgt die Arbeit, die eine gleichsam liebevolle und gutmütige aber auch rätselhafte Darstellung des Vaters zeigt.
Leyh geht einer nur allzu natürlichen Intuition nach, wenn es um die Ideenschöpfung für neue Arbeiten geht: Es müssen bleibende Eindrücke, eingebrannte Bilder sein, die latent allgegenwärtig vor dem Auge des Bildhauers sind, um den Weg ins Atelier und letztlich ins 3-Dimensionale zu finden.
Die Plastiken erscheinen im Ausstellungsraum wie Inszenierungen, wie Filmstills, die man schon mal gesehen hat. Die Welt der Erzählung ist das unerschöpfliche Reservoir Stefan Leyhs. So erweist er mit der Arbeit „Last man standing“ – erneut durch den Titel auf einen Filmklassiker verweisend, Liselotte Pulver eine Hommage für ihre burschikose Darstellung als Comtesse im Film ein Wirtshaus im Spessart aus dem Jahr 1958. Leyh vermischt Vorlage und Betitelung, schafft hierdurch ein neues Bild, ein Hybrid, das zwar einer konkreten Vorlage entsprungen sein mag, aber in der Ausstellungsinszenierung eine eigene Autonomie erzielt. Das Bühnenhafte ist ein tragendes Moment in den detailgetreuen, aber nicht naturalistischen Darstellungen der einzelnen Plastiken. Aus der Zusammenstellung und Inszenierung im Ausstellungsraum ergibt sich erneut eine eigene Bühne für die Arbeiten, denen im Zusammenspiel eine narrative Verknüpfung widerfährt.
So auch bei der Arbeit „narrator and the point of view“, eine Installation, die ursprünglich für die alte Posthalterei in Meiningen entwickelt wurde. Die Plastik ist eine Reminiszenz an seine Geburtsstadt (Meiningen), genauer an die Fassade eines Gebäudes in dem sich heute das Kunsthaus Meinigen befindet. Dort befand sich ein Pferdekopf was Leyh als motivischen Ausgangspunkt nahm – obgleich ihm dieses Abbild wesentlich größer in Erinnerung geblieben war. Die Installation zeigt eine kontemplative Situation, einen Jungen der mit leicht geneigtem Kopf vor diesem Abbild steht und eine Schrittstellung mit seinen Händen formt. Eine stille Kommunikation, ein Dialog, der in seiner Geheimnisumwobenheit nicht aufgelöst wird. Schon alleine die physiognomischen Größenunterschiede der beiden Plastiken erzeugen ein unwirkliches Bild. Fast wie eingefroren wirkt dieser szenische Moment.
Die Plastiken Stefan Leyhs erheben nicht den Anspruch, die Wirklichkeit abbilden zu wollen – schon der originäre Hintergrund würde dies verhindern, sondern sie sind in ihrer Machart eine Fortsetzung des klassischen, traditionellen Skulpturenbegriffs und somit eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit dem, was figürliche Plastik heute sein kann.
Marie Mohnhaupt