Jang Jaerok – Another Place

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Eröffnung: 05.12.2014 ab 20Uhr
Ausstellung: 06.12. – 11.12.2014

JANG Jaerok is very interested in beauty, or more precisely, in whether beauty is ubiquitous or poorly distributed. In the viewpoint of the polarization and imbalance of wealth in this present age, JANG Jaerok seems to accept the maldistribution of beauty as a fixed fact. Luxury places in the Broadway and Time Square areas of New York, and classic cars such as Bentley, Mercedes Benz, and Lamborghini, cannot reveal their beauty without the integration, concentration, and maldistribution of capital. As expected, the world is a dialectical system of imbalance, that is, a system that is run with the excess and insufficiency of energy. And it is surely a discriminative, dualistic world in which a center and its margins are divided. Classic western cars appear in the center of JANG Jaerok’ painting. However, do not misunderstand that his pieces praise the superficial beauty of their smooth curves. He clearly understands the history of accumulated metaphors inherent in the Indian-ink stick used in Korean painting. The ink stick, a good material to express spiritual beauty, has a long history that goes way back to the end of the Later Han Dynasty of China. In order for beauty to be expressed, or for the thought of a literary man to be arranged, numerous plants should be burn into ash, and then oil. JANG Jaerok first thinks about the metaphor of sacrifice that an Indian-ink stick has. Similarly, you can remember that the barky hands of country women were needed for a monk in the Middle Ages to hold a glass of wine with his white hand. We must not forget that the esthetic nature of an excess state in the white skin of a woman can exist only thanks to the rough hands of farmers who have gone through enormous wanting and insufficiency. This is because nothing is free from the interaction principle of entropy. That is the rule of the world. We simply forget this rule too easily. Let’s deeply examine the surface of JANG Jaerok’s paintings so as to escape the swamp of oblivion. What do you feel while viewing these majestic classic western cars? If someone says, “Accumulated capital is an important aspect in determining even the nature of beauty,” you can think that he has no intention to harmonize with the world.

Text: Lee Jinmyung

Jang Jaerok – Another Place

In Jang Jaeroks Arbeiten offenbart sich ein kritischer Blick auf die Moderne. Ihre Plätze, ihre Status-Symbole, ihre Landschaften. Was aussieht wie eine großformatige Schwarz-Weiß-Photographie, erweist sich bei genauerem Hinsehen als Tusche-Malerei auf Reispapier. Die Verwendung von Tusche, die seit mehr als tausend Jahren in einem aufwendigen Verfahren aus Asche, Knochen und Fischknorpel gewonnen wird, steht in irritierendem Gegensatz sowohl zur Darstellungstechnik als auch zum Dargestellten selbst. Vergangenheit und Gegenwart treffen aufeinander, widerstreiten und paktieren – werden Eins. Werden Eins – werden unrein – Provokation für die Verfechter der kanonischen Tradition. In der diachronen Dimension spiegelt sich die synchrone Perspektive des koreanischen Künstlers: ein aufmerksamer Blick auf die Arbeiten zeigt westliche neben fern-östlichen Formen, verschiedene kulturelle Traditionen, die im globalisierten Kapitalismus ineinandergreifen – Eins werden? – unrein werden?
Indem Jang Jaerok das Hybride auf mehreren Ebenen sowohl erzeugt als auch sichtbar macht, stellt er den wieder und wieder beschworenen Begriff des Authentischen infrage.

© 2014 Fanny Weidehaas

Überformte Kulturgeschichte.

Venedig ist schön. Deshalb gibt es auch immer wieder Bilder aus dieser besonderen Stadt. Der Koreanische Künstler Jang Jaerok malt seine großformatigen Ansichten von dort in traditioneller asiatischer Tusch-Technik auf besonderes, handwerklich erstelltes „Baejeob“-Reis-Papier. Das sieht von weitem so aus, wie Fotorealismus auf Leinwand. Aber das ist technisch und inhaltlich nicht zutreffend. Genau wie bei den Bildern von anderen Städten, von New York, Hamburg oder Hong Kong, sind in die Wiedergabe Seltsamkeiten eingebaut: Ein geschwungenes Tempeldach, eine steinerne Palastlaterne, oder auch ein traditionelles Holzfenster. Doch diese Irritationen sind weder reale Werbe-Alltäglichkeiten, noch hinzugefügte visuelle Scherze, sie spüren den tatsächlichen oder untergründigen Verbindungen der westlichen Welt mit Asien nach. Warum sollten in der Stadt Marco Polos, deren Bars inzwischen oft in chinesischer Hand sind, nicht auch asiatische Architekturelemente auftreten? Und waren in Hamburg die realen, um 1912 entstandenen Stein-Kandelaber am U-Bahn-Eingang „Rathaus“ nicht schon damals asiatischen Formen nachempfunden? Klar auch, dass der britische Kolonialstil in Asien nicht so Englisch ist, wie er heute empfunden wird, und dass die urbanen Zentren in Ost und West im ökonomischen und kulturellen Austausch immer ähnlicher werden. Eurasien ist besonders im Blick Jang Jaeroks mehr als nur ein geographischer Begriff.
Der in Seoul lebende, 1978 geborene Jang Jaerok ist nicht nur ein an Kulturmischungen interessierter Maler, konzeptuelle Skulpturen und performative Aktionen gehören ebenso zu seinem bereits in Korea, China, Japan und Europa gezeigten Repertoire. Bei „Future Archeology“ hat er 2012 einen blitzenden BMW-Motor in einen Betonwürfel eingießen und durch ein Archäologen-Team mit großer Sorgfalt teilweise wieder freilegen lassen. Auch die eigene nationale Kultur hat er in einem jahrelang geplanten und monatelang ausgeführten Objekt dekonstruiert: Für „Traditional Spirit“ (2014) hat Jang Jaerok sieben höchst angesehene traditionelle Handwerker dazu überredet, für ihn mit maximalem Aufwand einen kostbaren, gleichwohl sinnlosen Schrein zu bauen. So ist mit viel Respekt vor den alten Fähigkeiten der als „nationale Kulturschätze“ gelisteten Zunft-Meister ein silberbeschlagener Lackkasten entstanden, auf den respektlos brutal die geradezu kultisch hergestellten Tuschblöcke aufgeschraubt wurden: Einerseits ein Multi-Meisterstück, ein koreanischer Hyper-Schatzkasten der Tradition, andererseits eine Manifestation kultureller Brüche und veränderter Wertschätzungen in einer Welt, in der sich kulturelle Zeichen von ihren ehemaligen Inhalten zu bloßen Bildmarkierungen verflacht haben. Dies in Ost und West zu thematisieren, macht die Kunst von Jang Jaerok bedeutend.

© Hajo Schiff, Hamburg, 2014