LOVE WILL TEAR US APART

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Pachet Fulmen, Rona Kobel, Anik Lazar, Rebecca Zedow

16. Oktober 2015, 20 Uhr | http://fb.com/events/1653903111547849/

Die Utopie („der Nicht-Ort“; aus altgriechisch οὐ- ou- „nicht-“ und τόπος tópos „ Ort“)…
Die Anpassung an einen chronisch unangemessene Umgebung erzeugt im Menschen nach dem Zeugnis der ältesten Verhaltenstheorien einen Habitus, den man in einem nicht-philosophischen Sinn als Realismus bezeichnen kann. Er lässt sich am ehesten als verfestigtes Durchhalten unter chronischem Druck charakterisieren. Der Sturz aus der paradisischen Nicht-Arbeitswelt in die Sphäre des Arbeitszwangs ist bedingt durch die traumatische Erkenntnis der Knappheit. Das Lebenmüssen im Knappheitsmilieu resultiert aus der menschlichen Urschuld: Wer gesündigt hat, bekommt nie mehr genug. Das Nicht-genug-Haben postuliert sich ins Weltverständnis des „Mängelwesens“ Mensch. Der Fremde wird in die Rolle dessen erhoben, der die Knappheit dramatisiert, indem er zu konsumieren droht, wovon mein Über-Leben und die Selbstbehauptung meiner Gruppe abhängen. Der erste Fremde ist der Herr, von dem ich abhängig wurde und der mich am Leben erhält, mir jedoch jeden Überschuss abnimmt, der mich besser erhielte, könnte ich ihn behalten; er ist die Einheit aus meinem Ausbeuter und meinem Retter. Der zweite Fremde ist der Feind, der nimmt, bis nichts mehr übrig bleibt. Entfremdet ist daher, wer einen Herrn und einen Feind hat – egal ob er im Ernstfall mit dem Herrn gegen den Feind zu Felde zieht oder mit dem Feind gegen den Herrn – wie man es in der Auflösung der Loyalitäten bei Palastrevolten, Aufständen und Revolutionskriegen beobachtet. Der Vertreibungsmythos bleibt. Die Knappheit verhängt die Unmöglichkeit der Koexistenz über das Kollektiv. Die Angst vor dem Mangel und das Streben nach dem Überfluss stellen die Achse in der fatalistischen menschlichen Existenz. Kann die Produktivität der Konkurrenz, auch der faktisch vollzogene Austritt aus der Mangelwelt infolge der modernen Eigentumswirtschaft die Rettung bringen?

Gemeinsam ergeben die Umstellungen einen Habituswechsel, der von Anhängern älterer Werte wie dem Dichter-Bauern Hesiod (700 v. Chr.) nur als Einübung in eine verkehrte Welt wahrgenommen werden konnte. Ich füge en passant die Bemerkung hinzu, dass der Koran, obschon zwölfhundert Jahre später entstanden, seinem moralischen Ansatz gemäß in vielen Punkten mit der hesiodischen Weltsicht aus Werke und Tage auf einer Stufe steht. In ihm hat sich das Misstrauen des Bauern gegen die unverständliche neue Verkehrswelt zum apokalyptischen Hass des Wüstenbewohners gegen die für den alten Verstand undurchdringlichen großen Städte gesteigert. Was man Prophetismus nennt, ist hier die feurige Form des Neinsagens zu erhöhter Komplexität. Die vier Künstlerinnen arbeiten unterschiedlich mit dem Begriff des Scheiterns, der Abgründigkeit und der Grenze zum Fremden, zum Unbehaglichen. Angst, das ureigenste Gefühl, das seit der Geburt im Menschen innewohnt, kanalisiert die Instinkte und veräußerlicht hier eine Ästhetik des Grauens, der Irritation, der Überschreitung. Das leere Feld wirkt verstörend, die Fremde der Fülle erschreckend, erschwert den Raum und das Beisammensein.

Pachet Fulmen
geboren 1985, lebt und arbeitet als Künstlerin seit 2009 in Hamburg. Sie studiert Malerei, Film/Video, Philosophie an der HFBK bei Anselm Reyle, Michael Diers, Udo Engel und Robert Bramkamp. In ihren medienübergreifenden künstlerischen Auseinandersetzungen zeigt sich die Immanenz vom geschlechterbezogenen Machtgefüge, von freudianischen Kontrollmechanismen, den Begierden und dem Schrecken der apokalyptischen Neuzeit. Es kollidiert stetig eine teenagerhaft angelegte, rosarote Mädchen-Landschaft mit den triebhaften Urinstinkten. Die Künstlerin spielt mit den Ängsten des Betrachters und irritiert mehrfach auf unterschiedlichen Ebenen – vom privaten Drama bis hin zum globalen Crashkurs.

Rebecca Zedow
geb. 1978, studiert seit 2010 in der Klasse von Anselm Reyle an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Ihre aus Magazinen und Postern hergestellten Cut-Outs zerlegen und fragmentieren die Fläche, skelettartige Strukturen bleiben als filigrane Reste erhalten. Die skulpturalen Arbeiten entstehen durch provisorisch-dilettantisches Aneinanderfügen von Linien. Es entstehen ruinöse, brüchige Gebilde, die ihre eigene Stabilität in Frage stellen. Beide Arbeitsweisen führen zu fragilen Strukturen, die sich ambivalent zwischen Zartheit und Bedrohlichkeit bewegen und scheinbar gerade so eben ‚in der Not‘ zusammenhalten.

Anik Lazar
geboren 1982 in Frankfurt am Main, hat an der HfbK Kunst studiert, unter anderem bei Dr. Hanne Loreck, Anselm Reyle, Norbert Schwontkowski und Nicola Richter. Ihre Arbeit ist in den Bereichen (Musik-)performance, Installation, Skulptur und Malerei/Zeichnung anzusiedeln und wird bisweilen zu einem schillernden Ganzen mit Hang zum Gesamtkunstwerk verwoben.

Rona Kobel
studierte von 2008 – 2014 bei Katharina Sieverding und Leiko Ikemura an der Universität der Künste Berlin. 2015 wurde sie Preisträgerin des Meisterschülerpreises des Präsidenten der UdK Berlin. In ihren letzten Arbeiten entwickelte sie eine besondere Beziehung zwischen Fotografie und Porzellan, welche auf der Transformation von fast media zu slow media beruht. Berühmte Fotografien oder Filmszenen bilden dabei, als Träger des kollektiven Bildgedächtnisses, den Ausgangspunkt für gesellschaftspolitische Fragestellungen, die durch das Porzellan – Sinnbild für Kostbarkeit und Idylle – provokativ und ironisch formuliert
werden.