Walk Through ist ein Kunstprojekt zum Steindamm in Hamburg.

Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler zeigen ihre Arbeiten vom 18. Juli bis zum 03. August 2008. im öffentlichen Raum sowie im CASINO/FAILED, 16 bis 20 Uhr.

 

Mein Nachmittag im CASINO

Geschrieben von: Axel Dürkop | In: Axel Dürkop

Jeder muss mal ran. Heute habe ich von 16:00 bis 20:00 Uhr das CASINO gehütet und wurde schon bei der Ankunft ein wenig unwirsch von zwei Herren begrüßt. Warum wir kein Schild mit Öffnungszeiten an der Hütte hätten. Und außerdem, warum sei nicht auch vormittags geöffnet? Was werden die beiden sagen, wenn der Kasten erst wieder abgebaut ist?

CSD am SteindammIch erkannte die beiden wieder, sie mich auch. Vor einer Woche hatten sie sich interessiert nach allen Arbeiten der Beteiligten erkundigt und sich ausgiebig umgesehen. Ob wir 16mm-Filme brauchen könnten, fragte mich der eine. Sein Vater habe ihm vor fünfzig Jahren einen Projektor geschenkt, den er aus Russland mitgebracht hatte. Und Filme gäb’s auch dazu. Einige seien schon ein wenig löchrig, weil der Apparat nicht rund laufe. Wenn wir die haben wollten, würde er sie uns schenken. Abgemacht.

Heute nun also war er wieder da und brachte Tonbänder, eine alte Telefunken-Bandmaschine und die besagten Filme, z.B. einen Mickey Maus-Streifen aus den 40ern. Danke dafür.

16:30 Uhr - Zwei feminine Männer interessieren sich für das CASINO, ich lade sie ein, sich die Austellung von Móka und Marte anzusehen. Sie fragen mich nach dem Bild mit den vielen Dildos. Ich erkläre das Projekt und Stadtplanung mit Phantasie. Ihnen gefallen die Ausstellung und die ramponierte Diskokugel vor dem Eingang.

17:00 Uhr - Komme mit einem Mann ins Gespräch, der zehn Jahre auf dem Steindamm gewohnt hat. Dann sei seine Frau gestorben, die Wohnung zu teuer, jetzt wohne er in Wandsbek. Fast täglich sei er auf dem Steindamm, hier treffe er immer noch Freunde und Kollegen. Auf der Wall of Fame zeigt er mir, wen er alles kennt und erzählt mir, was die Leute so treiben.
Ich frage ihn, ob der Steindamm heruntergekommen ist, wie einige behaupten, besonders nachdem das Hansa Theater geschlossen hat. Ach was, die Nutten hat’s hier immer gegeben, meint er. Und zu denen gingen nicht nur die Arbeiter, auch Geschäftsleute seien hier zu sehen. Einmal, als eine litauische Bande die Meile kontrollierte, habe er 48 Straßenmädchen gezählt, eine schöner als die andere. Da sei auch der Betriebsleiter eines angesehenen Restaurants aus dem Hauptbahnhof mehrmals am Tag hier aufgeschlagen.
Ich fragte ihn, ob er sich den Steindamm irgendwie anders wünschte, feiner, sauberer. Nein, der Steindamm sei so richtig. Er habe keine Angst, dass das große Geld die Straße überrolle und viele Menschen zwinge, sich eine andere Gegend zu suchen, weil sie die Preise und Mieten nicht mehr bezahlen können. Wenn ein Laden frei werde in der Straße, sei der sofort wieder von Afghanen oder Türken gemietet. Die Geschäftsleute am Ende der Straße nähmen kaum Notiz vom Steindamm.

19:11 Uhr - Ein Polizeieinsatz auf der anderen Straßenseite mit insgesamt acht Polizisten und eingetretener Haustür endet unspektakulär. 

Während ich vor dem CASINO saß, kamen noch weitere sechs Besucher, drei davon eindeutig Touristen aus anderen Ländern. Ich gab teilweise Auskunft in Englisch und zeigte ihnen den Weg zu weiteren Arbeiten und Sehenswürdigkeiten um den Bahnhof herum.

Gegen halb sechs zog ein mannsgroßer Penis in Begleitung einiger junger Männer hinter mir über den Steindamm und bog in den Pulverteich ein, während die Straße von der Polizei gesperrt wurde. Vorgestern startete der CSD in Hamburg.

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